Ein Scrum-Team aus KI-Agenten
Warum ich das baue, was dabei entstehen soll und wie der Plan aussieht. Der große Zusammenhang, bevor es an die Technik geht.
Ich bin Scrum-Trainerin. Ich habe über Jahre Menschen beigebracht, in Rollen zu arbeiten, in Sprints zu denken und sich am Ende jeder Iteration ehrlich zu fragen, was besser laufen könnte. Und jetzt sitze ich vor meinem Mac und baue ein Team, in dem kein einziger Mensch mitarbeitet.
Das braucht eine Erklärung.
Die Idee
Es gibt inzwischen nicht mehr nur Chatbots, die auf Fragen antworten. Es gibt KI-Agenten. Der Unterschied ist erheblich: ein Chatbot sagt dir, wie man eine Datei anlegt. Ein Agent legt sie an. Er liest deine Dateien, führt Befehle aus, korrigiert seine eigenen Fehler und arbeitet so lange, bis eine Aufgabe erledigt ist.
Ein einzelner Agent kann viel. Aber er hat dasselbe Problem wie ein einzelner Mensch: er verliert bei komplexen Vorhaben den Überblick, vermischt Ziele mit Umsetzung, und niemand widerspricht ihm.
Für genau dieses Problem haben wir vor langer Zeit etwas erfunden. Es heißt Teamarbeit, und Scrum ist eine ihrer strengsten Ausprägungen. Getrennte Rollen. Jemand, der für das Warum verantwortlich ist. Jemand, der für das Wie verantwortlich ist. Jemand, der auf den Prozess achtet. Ein Rhythmus aus Planen, Bauen, Zeigen, Reflektieren.
Meine Frage ist simpel: funktioniert diese Struktur auch, wenn die Rollen nicht von Menschen besetzt sind, sondern von Agenten?
Ich weiß es nicht. Deshalb baue ich es. Und deshalb schreibe ich mit, auch über die Stellen, an denen es hakt.
Warum das nicht einfach nur ein Prompt ist
Man könnte einwenden: setz dich hin, schreib einen ausführlichen Prompt, lass die KI das Ding bauen, fertig. Das funktioniert bei kleinen Aufgaben erstaunlich gut und bei großen überhaupt nicht.
Sobald ein Vorhaben über mehrere Tage läuft, brauchst du dieselben Dinge, die ein menschliches Team braucht. Ein Gedächtnis, damit gestern nicht vergessen ist. Ein Backlog, damit klar ist, was als Nächstes dran ist. Getrennte Perspektiven, damit nicht dieselbe blinde Stelle alle Entscheidungen prägt. Und einen Ort, an dem festgehalten wird, warum etwas so und nicht anders entschieden wurde.
Das ist keine KI-Frage. Das ist eine Organisationsfrage. Und Organisation ist mein Fach.
Der Sandkasten, und warum ich darauf bestehe
Ein Agent, der Befehle auf meinem Rechner ausführen darf, ist mächtig und deshalb auch riskant. Ich habe das selbst erlebt: ich hatte einmal eine Agenten-Software installiert, die sich anschließend wie eine Krake auf meinem Mac festgesetzt hat. Überall Dateien, Prozesse, Verbindungen, und ich mit dem unguten Gefühl, nicht mehr genau zu wissen, was auf meinem eigenen Gerät passiert.
Diese Erfahrung hat die erste Anforderung an das gesamte Vorhaben festgelegt: die Agenten bekommen einen abgetrennten Bereich, aus dem sie nicht herauskommen. Eine Sandbox. Sie dürfen darin schalten und walten, sie sehen aber nur, was ich ihnen zeige, und sie erreichen im Netz nur, was ich erlaube.
Technisch wird das ein Docker-Container. Was das ist, erkläre ich im nächsten Beitrag ausführlich. Für den Moment reicht das Bild: ein Sandkasten im Garten. Drinnen darf gebuddelt werden. Der Rasen bleibt heil.
Der Plan in drei Schritten
Ich baue das nicht in einem Rutsch. Ich baue es in Sprints, mit klar abgegrenztem Umfang, und zwischen den Schritten schaue ich mir an, ob das Fundament wirklich trägt.
Schritt 1: die Sandbox
Der Container, in dem später alles läuft. Grenzen ziehen, Ressourcen begrenzen, Netzzugriff einschränken, ein GitHub-Repository als Archiv anlegen, und die Doku dazu schreiben. Keine Agenten, keine Rollen, keine App. Nur das Fundament. Am Ende muss ein einziger Prüfbefehl bestätigen, dass die Grenzen halten.
Schritt 2: der Orchestrator und die Rollen
Erst jetzt ziehen die Agenten ein. Ein Orchestrator verteilt die Arbeit, die einzelnen Agenten übernehmen die Scrum-Rollen. Hier entscheidet sich, ob die Idee trägt: ob getrennte Rollen bei Agenten tatsächlich zu besseren Ergebnissen führen als ein einzelner Alleskönner.
Schritt 3: das erste echte Produkt
Ein Happiness Index für Teams. Die Mitglieder eines Teams vergeben zu festgelegten Themen jeweils drei Smilies, und daraus entsteht ein Stimmungsbild über die Zeit. Klein genug, um es zu schaffen. Echt genug, um dabei etwas zu lernen.
Warum ausgerechnet ein Happiness Index? Weil er aus meiner eigenen Praxis kommt. Teamstimmung ist das, was in Retrospektiven ständig verhandelt wird und trotzdem selten sichtbar gemacht wird. Und weil es eine ehrliche Nagelprobe ist: eine kleine, klar umrissene Anwendung, an der man sofort merkt, ob ein Agenten-Team liefert oder nur beschäftigt aussieht.
Für wen ich das aufschreibe
Für Menschen, die Agilität gut kennen und Docker nicht. Für alle, die schon gemerkt haben, dass KI ihre Arbeit verändert, und die nicht bei „ich lasse mir Texte schreiben“ stehenbleiben wollen. Und ausdrücklich für die Frauen, die ich in Scrum ausgebildet habe und die mich immer wieder fragen, wo sie technisch eigentlich anfangen sollen.
Die Antwort, die ich in dieser Reihe gebe, lautet: du fängst genau da an, wo du stehst, und nimmst dir ein Sprachmodell als Coach dazu. Claude, Gemini, ChatGPT, Grok, das ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass du fragst, statt zu warten, bis du dich bereit fühlst.
Zwei Regeln, die ich mir gesetzt habe
Erstens: die Doku gehört zum Produkt. Nicht hinterher, sondern in jedem Schritt. Nicht nur was gebaut wurde, sondern warum, und welche Alternative verworfen wurde. Wer schon einmal ein System übernommen hat, dessen Entscheidungen niemand mehr erklären konnte, weiß, warum ich darauf bestehe.
Zweitens: nichts beschönigen. Wenn eine Sicherheitsgrenze technisch nicht garantiert ist, sondern nur eine Vereinbarung, dann steht das genau so in der Doku. Halbe Wahrheiten über Sicherheit sind gefährlicher als offene Lücken, weil man sich auf sie verlässt.
Was als Nächstes kommt
Im nächsten Beitrag geht es an den ersten Sprint. Terminal öffnen, Werkzeuge installieren, prüfen was da ist. Der unspektakuläre Teil, ohne den nichts weiter geht.
Ich nehme dich dabei mit, inklusive der Stellen, an denen ich selbst hängengeblieben bin. Davon gab es schon einige, und ich vermute stark, es kommen noch mehr.